Ein Wochenende in Watte

“Kann ich Sie so ins Wochenende entlassen?“

Diese Worte werden mich wohl mein Leben lang begleiten. Die einzigen Worte, die sich am Tag der Diagnose so richtig in mein Hirn gebrannt haben.

Was blieb mir also anderes übrig nach wochenlanger Diagnostik und der sicheren Gewissheit im Gepäck ins Wochenende zu starten?

Es war warm. Sonnig. Die Vögel zwitscherten schon seit einigen Wochen und ich musste ohne meinen Freund, der bei jeder Untersuchung dabei war, ins Uniklinikum. Die Job-Pflicht hat ausnahmsweise einmal Vorrang gehabt. Völlig verständlich und ok. Meine Mutter war dabei. Immer.

Die, die mir schon immer alles abnehmen wollte, wenn sie nur könnte.

Da saßen wir also. Ich hatte es schwarz auf weiß. Läsionen im Hirn, hoch positive Werte im Liquor. Man braucht mir nichts vormachen, schließlich habe ich selber jahrelang in der Medizin und Pflege gewirkt. Ich habe sogar, welch Ironie, mit MS – Patienten gearbeitet.

Während der gesamten Diagnostik verkniff ich mir Tränen. Wenn sie kamen, dann abends im Bett, wenn ich sicher war, dass mein Partner schläft.

Damals noch zeigte ich ungern Schwäche und vor allem wollte ich, dass sich niemand sorgt, so wie ich es tat. Um mich.

Ich wusste schon seit ca. zweieinhalb Jahren das etwas nicht stimmt.

Sehnerventzündung, ständige Müdigkeit, bleiern. Konzentrations- und Gedächtnisverlust. Mit gerade einmal 25? Typische MS – Symptome. So dachte ich, behielt es für mich, aber auch recht.

Vor der Tür der MS Ambulanz des Uniklinikums in Hamburg rief ich meinen Freund an. Ich weinte, aber versuchte es irgendwie zu unterdrücken. Klappte erstaunlich gut.

“Nein.. Scheiße.“, die ersten Worte, die jemand zu meiner Diagnose äußerte. Natürlich folgten im Anschluss Sachen wie: “Wir schaffen das“ und “Ich liebe dich“.

Balsam.

Meine Mutter und ich fuhren nach Hause zu uns. An der Tür sprang mir unser polnischer Promenadenmann Ingo entgegen, nicht ahnend, dass er von nun an einer der wichtigsten Psychotherapeuten für mich werden würde. Mehr als vorher zumindest.

Meine Mutter griff zum Handy, erstmal Omi anrufen. Ich denke das war so ziemlich der Zeitpunkt ab dem ich anfing mich wie in Watte zu fühlen.

Wie verarbeitet man sowas? Googeln? Foren oder Bücher wälzen? Erstmal eine rauchen?

Shit.

Wir gingen Kaffeetrinken. Mit Ingo.

Später fuhren wir shoppen und trafen uns dort mit meinem Stiefvater und meinem Liebsten.

Diese Liebe, die dir jemand entgegen bringt, wenn er mitfühlt, dich drückt und selber leidet, die ist einzigartig. Einzigartig schwer. Zwischen Watte und Blei.

In Mitten von Klamotten und mir offensichtlich erscheinenden, gesunden Menschen.

Abends bestellten wir uns Essen und verbrachten das Wochenende bei meinen Eltern im Garten. Ich konnte einfach nicht zu Hause sein.

Ich informierte meine Freunde und meine Mutter die Familie. Unsere Familie ist groß und trotz großer Entfernungen irgendwie immer da. Das Telefon stand nicht still. Ich musste stark sein. Meine Omi sagte ich solle doch einfach heulen, das würde helfen.

Aber wie sollte ich weinen, wenn es meinen Lieben dadurch doch noch schlechter gehen würde?

Das Wochenende verging und so wattiert und auf Autopilot gestellt wie ich war, ging am Montag nach der Diagnose der ganz normale Arbeitsalltag um 8:30 Uhr weiter.

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2 Kommentare

  1. Julia sagt:

    Liebe Kira,
    herzlichen Glückwunsch zu deinem Blog🍀.
    Ich habe mich mit einem Kaffee durch deine Beiträge gelesen und muss sagen: „Weiter so!“
    Ich finde du triffst eine super Mischung aus Fakten und Deiner Betroffenheit.
    Mach weiter so. Du bist stark. Und lass zu das dich andere auch mal stützen!
    Ich hoffe wir trinken bald einen oder auch zwei Kaffee zusammen 😉.

    Liebe Grüße
    Julia

    1. Kira sagt:

      Liebe Julia,

      ich danke dir sehr! Das ganze hier überwältigt mich und ich freue mich, dass du’s dir direkt so gemütlich dabei gemacht hast. 🙂
      Das hoffe ich auch! Da lässt sich bestimmt ein muckeliges Café finden. ♡
      Drücker für dich!

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